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Start -> ... organisieren -> Archiv -> Mitteilungen -> "Same Procedure as Every Year" - ein Konflikt mit der Pflegeeinrichtung
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"Same Procedure as Every Year" - ein Konflikt mit der Pflegeeinrichtung

Im sächsischen Rothenburg schwelt seit längerem ein Konflikt zwi­schen der Einrichtung und der betreuenden Angehörigen eines Be­wohners, der schließlich mit der Kündigung des Heimplatzes durch die Einrichtung seinen vorläufigen Höhepunkt fand. Dagegen wehrte sich die Betreuerin mit Hilfe einer richterlichen Anordnung. Im Unter­schied zu vielen anderen, ähnlichen Vorfällen entschied sie sich jedoch, auch die Öffentlichkeit zu informieren und gegen die Behand­lung durch die Einrichtung zu protestieren.

 
 

Unser Mitglied Christel Friedrich betreut ihren Sohn Ingo, der bei einem Unfall schwere Kopf­ver­letzungen und Schädigungen des Gehirns erlitt. Während der 7-monatigen Früh-Reha­bili­tation konnte er seine Mobilität und einen großen Teil seiner Fähigkeiten wieder zurück gewinnen. So kann er das Bett selbstständig verlassen, mit Hilfsmitteln seine Mahlzeiten zube­reiten und ein­nehmen und sich mit seinem Rollstuhl bewegen. Geblieben sind dennoch erheb­liche Ein­schränkun­gen, zum Beispiel des Kurzzeitgedächnisses, und eine linksseitige Lähmung.

Seit dem 1. September 2005 lebt er im Martin-Ulbrich-Haus in Rothenburg. Mit zunehmender Er­fahrung und wachsender Kenntnis über die Situation von Menschen im und nach Wachkoma, ihre sachlich angemessene Pflege und Therapie wuchsen Frau Friedrich Zweifel an der All­tags­praxis in der Einrichtung und sie versuchte, die Lebenssituation ihres Sohnes durch Gespräche mit der Einrichtung zu verbessern. Stattdessen entwickelte sich schon ab November 2005 die Situa­tion zu einem handfesten Konflikt. Dessen Verlauf dürfte vielen Angehörigen, die ihren Be­trof­fenen in einer Einrichtung begleiten, sehr vertraut vorkommen.

Ausgangspunkt waren verschiedene Kritikpunkte an der Pflege in der Einrichtung. Schaut man sich die Punkte an, so sollte man meinen, sie hätten, mit allseits gutem Willen, sich eigentlich klären lassen können: Die Betreuerin berichtet, Kot-Windeln stünden oft über längere Zeit im Mülleimer neben dem Bett. Ein Defekt des Pflegebetts benötigte Monate zur Reparatur, so dass das Provi­sorium zum Normalzustand geworden sei und die alltägliche Lebensqualität über Gebühr noch weiter minderte. Ein Defekt am Rollstuhl würde nicht repariert.

Es ging schließlich aber nicht nur um eher organisatorische Punkte. Nach Ansicht der Betreuerin war zum Beispiel die Lagerung der gelähmten Seite ihres Sohnes immer wieder unzureichend. Das Personal würde sich zu „Erziehungsmaßnahmen“ gegenüber ihrem Sohn bemüßigt fühlen und habe ihm z.B. mehrfach den Fernseher ausgeschaltet. Und dann geriet auch die medizi­ni­sche Versorgung in Mitleiden­schaft. Zahnschmerzen wurden mit Schmerztropfen be­han­delt. Einen Besuch beim Zahnarzt habe die Einrichtung zunächst aber nicht veranlassen wollen.

Wenn sich solche Konflikte ungelöst weiter entwickeln, ist das Ergebnis fast absehbar: Das wech­sel­sei­tige Vertrauen schwindet, macht einem Misstrauen Platz, das den Lebensalltag in allen möglichen Situationen belastet. So berichtet die Betreuerin, ihre häufigen Telefonate mit dem Be­troffenen seien von dem Pflegepersonal als Überwachung empfunden worden. Sie habe mit ihm über das Essen geredet und darüber, was er in den letzten Stunden erlebt habe - nicht unbe­dingt besonders ungewöhnliche Themen zwischen Mutter und Sohn. Das Personal inter­pre­tierte und empfand das in der angespannten Situation aber als Kontrolle und sie sei aufge­fordert worden, nicht so häufig mit ihrem Sohn zu telefonieren.

Die Einrichtung kündigte schließlich den Heimplatz. Einen vorläufigen Höhepunkt fand der Kon­flikt, als die Betreuerin am 29. August 2009 ein Ein­schreiben mit der Mitteilung erhielt, man werde ihren Sohn am 1. September, also 3 Tage später, zwischen 11:00h und 12:00h bei ihr zu Hause abliefern. Frau Friedrich hatte sich bereits angesichts der Situation um Alternativen bemüht und zum Januar 2009 eine Einrichtung gefunden. Das Martin-Ulbrich-Haus war darüber informiert. Frau Friedrich erwirk­te eine einstweilige Verfügung, die diese Aktion unterband. Zusätzlich wandte sie sich an die lokale Presse und informierte über die Vorgänge. Und darüber hinaus organisierte sie eine Protest–De­mon­stration vor der Einrichtung.

Wenn man den beigefügten Zeitungsbericht und die darin wiedergegebene Stellungnahme der Einrichtung liest, wird manche/mancher ein deja-vu-Erlebnis haben: Der Konflikt wird seitens der Einrichtung strikt individualisiert. Es sei ein absoluter Einzelfall. Das möglicherweise Verän­derun­gen an organisatorischen Abläufen und pflegerischen Prozessen sinnvoll sein könnten, wird gar nicht erst in Betracht gezogen. Der Konflikt wird perso­nalisiert und die Anfor­derun­gen von Frau Friedrich als „überzogen" deklariert. Sie selbst wird diskreditiert. Die Rolle der „Bösen“ und der „Guten“ sind eindeutig verteilt. Statt Lösungsvorschläge zu präsen­tieren, übt man sich in Schuld­zu­weisungen.

Bei all dem ist der Konflikt ja noch harmlos und die Vorgehensweise der Einrichtung beinahe mode­rat zu nennen. Es geht um eine Kündigung des Heimplatzes, die bei einer solchen Ent­wick­lung im Endeffekt die einzig mögliche Lösung sein dürfte. Der Konflikt, so grotesk er auch anmu­tet, geht – lediglich – um den Zeit­punkt und die Vorgehensweise. Andere Einrichtungen, wie etwa zwei „Spezialeinrichtungen“ im Norden von Bremen oder eine Spezialeinrichtung in Stuttgart, gehen sehr viel rabiater vor. Angehörige werden als krankhaft etikettiert, per Eingabe an das Betreuungs­gericht wird versucht, einen anderen – genehmeren – Betreuer einzusetzen, An­ge­hörige werden per Hausverbot am Kontakt mit dem Betroffenen gehindert, Betroffene selbst werden der Vereinsamung ausgesetzt. Es kann also noch schlimmer kommen und kommt es für viele leider allzu häufig.
 

 
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Siehe auch

  
   Artikel "Streit um gekündigten Heimplatz für behinderten Mann"
Der Artikel ist in der Ausgabe 30./31. August 2008 in der Sächsischen Zeitung erschienen und informiert sehr ausführlich über den Konflikt.

Artikel zur Protestaktion in
Rothenburg

In der Ausgabe vom 2. September 2008 setzt die Sächsische Zeitung die Berichterstattung über den Verlauf des Konflikts fort und informiert über die Protestaktion der Familie.

Artikel zur Juristischen Seite des Konflikts
Am 6./7. September 2008 informiert die Sächsische Zeitung über den weiteren, juristischen Verlauf.

Bericht
von Frau Friedrich über ihre Erfahrungen im Martin-Ulbrich-Haus
  
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