Patienten im Wachkoma scheinen in ihrer eigenen Welt zu leben. Ihr Zustand erweckt bei
Angehörigen oft den Eindruck, dass sie möglicherweise Bruchstücke ihrer
Umwelt wahrnehmen können, sie jedoch nicht in der Lage sind, sich
hierzu aktiv mitzuteilen. Die Meinungen zwischen Angehörigen, Ärzten
und Therapeuten stimmen dabei nicht immer überein. Während
Pflegepersonal, Therapeuten und Ärzte Bewegungen von Armen oder Beinen
eines Patienten oft als rein reflektorisch und unbewusst
interpretieren, sehen Angehörige hierin manchmal gezielte Äußerungen,
die sie auf eine konkrete Ursache (z. B. ihre Anwesenheit)
zurückführen. Häufig lässt sich eine solche Diskrepanz zwischen
unterschiedlichen Wahrnehmungen und Interpretationen nicht lösen. In
einigen Fällen ist es auch möglich, dass Patienten in Anwesenheit
fremder Personen tatsächlich rein reflektorisch agieren und erst bei
Anwesenheit naher Angehöriger ein erweitertes Verhaltensrepertoire
zeigen.
Übergangsphasen
In der Rehabilitation schwerst hirnverletzter Menschen ist es
wichtig zu unterscheiden, ob sich ein Patient tatsächlich im Wachkoma
befindet oder ob er sich bereits in einer Übergangsphase zur Wachheit,
dem so genannten „minimally conscious state“ befindet. Das Wachkoma
kann von dem Zustand des „minimally conscious state“ durch klare
Kriterien getrennt werden. Ein Patient in der Übergangsphase versucht,
auf Fragen mit Lautäußerungen zu reagieren, er zeigt je nach Situation
angemessene Reaktionen wie Lächeln oder Weinen, er sieht bewegten
Objekten oder Personen nach und kann diese auch für mehrere Sekunden
fixieren. In einigen Fällen kann er sogar schon nach Gegenständen
greifen und diese kurzfristig festhalten. Gemeinsam mit einem
Wachkoma-Patienten zeigen diese Patienten noch eine wechselnde Wachheit
mit überwiegender Schläfrigkeit.
Neue Diagnostik misst Hirnleistung
Dank moderner bildgebender Diagnostikmethoden wie der
Positronen-Emissions-Tomographie oder der funktionellen
Kernspintomographie kann man das Gehirn bei der Arbeit beobachten und
feststellen, welche Teile des Gehirns bei einem Patienten aktiv sind.
Derartige Untersuchungen an Wachkoma-Patienten zeigen, dass das Ausmaß
erhaltener Gehirnaktivität sehr unterschiedlich sein kann. Das Spektrum
reicht hier von einem zu 65 % erhaltenen Stoffwechsel des Großhirns bis
hin zu einer deutlichen Reduktion der Hirnaktivität mit nur wenigen
Aktivitätsinseln. Die Untersuchungen zeigen jedoch auch, dass vor allem
Unterbrechungen von Verbindungen zwischen den verschiedenen
Hirngebieten zu einem Wachkoma führen. Insbesondere die Verbindungen
zwischen dem Mittel- und Großhirn sind bei fast allen Patienten
betroffen und nehmen daher eine Art Schlüsselfunktion ein.
Gehirnaktivitäten
Um die Hirnaktivität von außen anzuregen, werden häufig so genannte
sensorische Stimulationen durchgeführt. Multisensorische
Stimulationsprogramme gehen davon aus, dass durch eine gezielte Reizung
einzelner oder mehrer Sinnessysteme eine Aktivierung des Gehirns sowie
eine Verbesserung der Reizübertragung auf Nervenzellebene erreicht
werden können. Obwohl solche Stimulationstherapien inzwischen weltweit
zum Standard gehören, gibt es bisher keine wissenschaftliche Beweise
dafür, dass hierdurch tatsächlich eine dauerhafte Verbesserung der
Hirnaktivität erreicht werden kann.
Sinnesreizung
Neben den Stimulationsverfahren gibt es seit einigen Jahren auch
einen weiteren Therapieansatz, der statt einer Stimulation die
Regulation der Sinnesreizung in den Vordergrund stellt. Bei der
Regulationstherapie geht man davon aus, dass Wachkoma-Patienten eine
herabgesetzte Kapazität für die Verarbeitung von Sinnesreizen haben und
deshalb Stimulationen über längere Zeiträume nicht viel bewirken
können. Statt einer dauerhaften Sinnesstimulation mit unterschiedlichen
Reizen wird in der Regulationstherapie ein gezielter Wechsel zwischen
Stimulation und Ruhe durchgeführt.
Ergänzt werden Stimulations- bzw. Regulationsprogramme häufig durch
eine medikamentöse Therapie mit aktivitätssteigernden Substanzen.
Positive Effekte wurden hier vor allem für Amantadin und Methylphenidat
nachgewiesen.
Um den Einfluss sensorischer und pharmakologischer Stimulation bei
Wachkoma-Patienten zu untersuchen, wurden in der Neurologischen Klinik
Bad Aibling verschiedene physiologische Maße der Aktivierung während
sensorischer Stimulation gemessen. Während Patienten entweder die
Stimme naher Angehöriger oder weißes Rauschen hörten, wurden die
Hautleitfähigkeit, die Herzfrequenz und die Muskelaktivität des
Stirnmuskels abgeleitet. Als dritte Stimulationsart wurde eine taktile
Massage des Armes nach den therapeutischen Regeln der
taktil-kinästhetischen Stimulation durchgeführt. Da aus ethischen
Gründen keinem Patienten die Gabe stimulierender Medikamente
vorenthalten werden sollte, wurden pharmakologisch stimulierte
Patienten mit Patienten verglichen, die aufgrund medizinischer Gründe
(z. B. erhöhte Gefahr epileptischer Anfälle) keine pharmakologische
Stimulation bekommen konnten.
Aktivitätenzunahme
Unsere Ergebnisse zeigen bei der Mehrheit der Patienten, dass vor
allem Berührung (also in diesem Fall taktil-kinästhetische Stimulation)
zu einer deutlichen Aktivitätszunahme führt. Des weiteren erwies sich
die Hautleitfähigkeit als äußerst sensibles Maß. So zeigten
beispielsweise mehrere Patienten eine Abnahme der Hautleitfähigkeit,
während sie die Stimme ihrer Angehörigen hörten. Dagegen nahm die
Hautleitfähigkeit während unspezifischen Rauschens und Berührung zu.
Was bewirken Medikamente?
Was bewirkt eine zusätzliche pharmakologische Stimulation?
Erfreulicherweise konnten wir bei den Patienten, die mit einem
stimulierenden Medikament behandelt wurden, eine erhöhte Grundaktivität
feststellen. In Bezug auf die Reaktionsmuster zeigte sich jedoch kein
Unterschied zwischen den pharmakologisch stimulierten Patienten und den
Patienten ohne eine zusätzliche medikamentöse Behandlung. Das heißt,
dass eine erhöhte Aktivierung nicht unbedingt auch zu einer besseren
Reaktivität bei sensorischer Reizung führt. Dies ist vermutlich auf die
kurzzeitige Dauer der akustischen und taktilen Stimulationen
zurückzuführen. Um eine eventuelle verbesserte Reaktivität des
Patienten festzustellen, sind sehr wahrscheinlich längere
Beobachtungszeiträume (z. B. über eine Stunde) notwendig.
Komapatienten verstehen Angehörige
Zusammenfassend lassen sich aus unseren Ergebnissen mehrere
Rückschlüsse für die Diagnostik und Therapie von Wachkoma-Patienten
ziehen. Erstens scheint die Aktivität der Schweißdrüsen
(Hautleitfähigkeit) ein sehr sensibles Maß zu sein und könnte daher in
Zusammenhang mit der Stimme eines Angehörigen gut als zusätzliche
Methode zur Beurteilung der akustischen Wahrnehmungsfähigkeit eines
Wachkoma-Patienten eingesetzt werden. Inwieweit jedoch ein Patient
tatsächlich die gesprochenen Inhalte eines Angehörigen versteht oder
nur auf die Stimme und Klangmelodie des Angehörigen reagiert, ist
ungewiss. Bisherige Untersuchungen hierzu lassen vermuten, dass im
Rahmen eines Wachkomas nur die Stimme erkannt werden kann. Zweitens
haben unsere Ergebnisse gezeigt, dass Berührung und die Stimme naher
Angehöriger gegenläufige Effekte zeigen. Während die Stimme eines
Angehörigen einen beruhigenden Einfluss auf den Patienten ausübt, führt
eine körperorientierte Reizung zu einer Aktivitätserhöhung. Dies
überrascht weder Experten noch Laien, jedoch wurde dies in dieser Form
bisher noch nicht nachgewiesen. Im Sinne einer Regulationstherapie
erscheint es daher sinnvoll, beide Methoden im Wechsel durchzuführen,
um hierdurch einen Dialogaufbau zum Patienten, wie er bereits von Herrn
Zieger vorgeschlagen wurde, anzubahnen.
Dipl.-Psych. Dr. phil. habil. Ingo Keller
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