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Spastik - Was ist das?

Betroffene im Wachkoma leiden sehr oft unter zum Teil ausgeprägten „Spastiken“, d.h. aussergewöhnlich hohen Muskelspannungen, die auf einzelne Körperbereiche beschränkt sein oder auch am ganzen Körper auftreten können. Manuela Galgan, MScN und Dr. Christoph Gerhard beantworten häufige Fragen zum Thema „Spastik“ aus berufsüber-greifender Sicht.

 
 
Was ist Spastik?
Das Wort leitet sich vom griechischen Wort „spasmos“ her, das wörtlich übersetzt Krampf bedeutet. Gemeint ist damit eine erhöhte Muskelspannung.
 
Wie kann man Spastik feststellen?
Wenn man einen spastischen Muskel bewegt, fühlt sich das an, wie wenn man die Klinge eines Taschenmessers öffnet. Der Widerstand ist erst hoch und sinkt dann im Laufe der Bewegung ab.
 
Wodurch wird Spastik verursacht?
Durch eine Schädigung im Gehirn oder Rückenmark fehlen dem Zentralnervensystem dämpfende Impulse. Diese fehlenden dämpfenden Impulse führen dazu, dass die Muskelspannung sozusagen ungebremst einschießen kann. Dies geschieht im Reflexbogen, der von Muskelfühlern über das entsprechende Rückenmarkssegment zum Muskel zurück verläuft. Genau dieser Reflexbogen wird normalerweise durch Impulse des Gehirns gedämpft.
 
Wodurch wird Spastik verstärkt?
Es gibt viele Dinge, die Spastik verstärken können. Zunächst ist dies die Dehnung des Muskels selbst. Außerdem können Angst, Ärger, Depressivität, Schmerz, eine volle Harnblase, unangenehme Berührungen, unangenehme Umgebungsbedingungen, wie ausgeprägte Wärme oder Kälte, zu einer Verstärkung der Spastik führen.
 
Wie kann man eine Spastik behandeln?
Basis der Therapie einer Spastik ist die krankengymnastische Behandlung. Man vermeidet damit Gelenkversteifungen und kann krankhafte Reflexmuster unterdrücken. Angehörige können die Übungen erlernen und so den Therapieprozess unterstützen. Außerdem gibt es zahlreiche medikamentöse Behandlungen.
 
Welche Medikamente helfen bei Spastik?
Nach wissenschaftlichen Untersuchungen wirksam sind folgende Medikamente: Baclofen (z.B.: Lioresal), Tizanidin (z.B.: Sirdalud), Diazepam (z.B.: Valium) und Tetrazepam (z.B.: Musaril). Clonazepam (z.B.: Rivotril), Clonidin (z.B.: Catapresan), Memantin (z.B.: Memantine), Dantrolen (z.B.: Dantamacrin) werden ebenfalls bei Spastik eingesetzt. Bislang fehlt für diese Substanzen ein klarer wissenschaftlicher Nachweis der Wirkung (vgl. Leitlinie „Spastik“ der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, 2005). Nach dieser Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie sind Baclofen und Tizanidin Mittel der ersten Wahl.
 
Welche Nebenwirkungen sind bei der medikamentösen Therapie zu erwarten?
Hauptnebenwirkung ist durch die Dämpfung auch anderer Bereiche des Zentralnervensystems Müdigkeit. Außerdem kann ein gewisses Maß an Spastik für einen Betroffenen notwendig sein, um auf den Muskeln stehen oder mit ihnen sitzen zu können. Eine zu starke Therapie der Spastik kann so auch Schaden anrichten.
 
Gibt es noch andere Therapiemöglichkeiten?
Ja, man kann in einen spastischen Muskel ein starkes Gift, Botulinumtoxin, in niedrigen Dosen einspritzen. Damit wird die Spastik in diesem speziellen Muskel sehr intensiv behandelt. Nachteil ist, dass die Therapie nur an diesem speziellen Muskel wirkt. Sie muss alle 3-6 Monate wiederholt werden.

Außerdem kann man mit einer Pumpe Baclofen in die Hirnwasserräume einbringen. Man sollte diese eingreifendere Therapie erst einsetzen, wenn andere Möglichkeiten versagt haben.
 
Was kann man sonst noch tun?
Sehr viel. Wie oben gezeigt, verstärken viele Dinge, wie Dehnung des Muskels, Angst, Ärger, Depressivität, Schmerz, eine volle Harnblase, unangenehme Berührungen, unangenehme Umgebungsbedingungen wie ausgeprägte Wärme oder Kälte die Spastik. Man kann versuchen durch z.B. eine angenehme Umgebung, angenehme Berührungen (wie dies bei der basalen Stimulation geschieht), eine gute Schmerztherapie die Spastik zu reduzieren.
Nochmals zusammengefasst:

Spastik ist eine Erhöhung des Muskeltonus. Der Begriff leitet sich vom griechischen Wort spasmos = Krampf ab und beschreibt eine erhöhte Eigenspannung der Skelettmuskeln, die durch eine Schädigung des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark) bedingt ist. Man merkt es am besten, wenn man einen Arm oder ein Bein des Betroffenen bewegt. Man spürt dann einen Dehnungswiderstand, der wie bei einem Taschenmesser erst hoch ist und sich dann vermindert. Oft führt dies bei Menschen mit schwerer Hirnschädigung zu einer starken Beugestellung der Arme und Streckstellung der Beine. Durch die Hirnschädigung fehlen dämpfende Impulse des Gehirns am Rückenmark. Das Rückenmark reagiert deshalb ungebremst und völlig überschiessend. Die Muskelsteife ist tageszeitlichen Schwankungen unterlegen. Zusätzlich kann sie durch verschiedenste Reize der inneren und äußeren Umgebung spontan verstärkt werden. Hierzu gehören die Dehnung der Muskeln selbst, Schmerzen, Umgebungsbedingungen wie Wärme, Feuchtigkeit oder Berührungen, Signale aus den Eingeweiden wie z.B. Blasenfüllung oder psychische Einflüsse wie z.B. Angst, Ärger oder Depression. Es können durch die Muskelsteife erhebliche Schmerzen ausgelöst werden, was wiederum in einer Art Teufelskreis die Spastik verstärkt. Eine langfristige Folge sind Fehlhaltungen und -stellungen in Gelenken. Spastik ist schwierig zu behandeln. Sie kann sich bei psychischer Anspannung verstärken. Krankengymnastische Übungen sind die Basis der Therapie. Das Problem der medikamentösen Therapie ist, dass nicht nur das Rückenmark sondern auch andere Bereiche des Nervensystems gedämpft werden. Deshalb besteht häufig Müdigkeit als Nebenwirkung. Wenn die Spastik zu stark gedämpft wird, kann es passieren, dass die Muskeln so weich werden, dass die Beine z.B. beim Umlagern keine Stabilität mehr geben. Die Therapie der Spastik ist deshalb immer eine Gratwanderung zwischen erwünschter Wirkung und Nebenwirkungen. Typische Medikamente, die in wissenschaftlichen Untersuchungen ihre Wirkung bewiesen haben, sind Baclofen (z.B. Lioresal), Tizanidin (z.B. Sirdalud), Tetrazepam (z.B. Musaril) und Diazepam (z.B. Valium). Viele Medikamente werden eingesetzt, obwohl ihre Wirkung nie bewiesen wurde. In schweren Fällen werden Baclofenpumpen in den Hirn- oder Rückenmarkskammern eingesetzt, eine sehr eingreifende Therapie, die gut überlegt sein muss. Obwohl auch die Wirkung der Baclofenpumpe klar wissenschaftlich erwiesen ist, soll sie wegen der Invasivität erst eingesetzt werden, wenn andere Medikamente auch in hoher Dosierung nicht wirkten oder nicht vertragen wurden.

Manuela Galgan MScN
Pflegewissenschaftlerin und Krankenschwester
und
Dr. med. Christoph Gerhard
Arzt für Neurologie, Palliativmedizin und Spezielle Schmerztherapie
Oberarzt der Neurologischen Abt. und Leiter des Palliativkonsiliardienstes
Katholische Kliniken Oberhausen-St. Josef-Hospital
Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Duisburg/Essen
Oberhausen 2007
 

 
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Siehe auch

  
  Manuela Galgan
Manuela Galgan

Manuela Gagan, die Autorin, ist Krankenschwester und Pflegewissenschaftlerin der Katholischen Kliniken Oberhausen, St. Josef-Hospital

Dr. C. Gerhard
Dr. C. Gerhard

Dr. Christoph Gerhard, der Autor, ist Oberarzt der Neurologie und Leiter des Palliativkonsiliardienstes der Katholischen Kliniken Oberhausen, St. Josef-Hospital

Leitlinien
der Deutschen Gesellschaft für Neurologie zu Physiotherapie und medikamentöser Therapie spastischer Syndrome

  
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