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 Musik und Nähe | |
Musik wirkt auf das Belohnungs- und „Lustzentrum“ im Gehirn (ventrales Striatum), ähnlich wie ein liebevoller Blick oder eine liebevolle Berührung
in entspannter Atmosphäre. A. Zieger schreibt: „Musik wirkt nachweisbar auf das ganze Gehirn: aktivierend und beruhigend auf die tonisierenden Strukturen im Hirnstamm.“ (Zieger 1999, S. 150).
„Musik wirkt auf beide Großhirnhälften, die rechte Großhirnhälfte reagiert auf Klang, Intonation, Dynamik und negative Emotionen, während die linke Hälfe die
analytisch-rationalen Leistungen wie Melodie, Zeitmaß, Rhythmus, Tonhöhenerkennung und positive Emotionen übernimmt.“ (Zieger 1999, S. 150). |
In der Arbeit mit schwerstschädelhirngeschädigten Menschen - nach Schädelhirntrauma, Schlaganfall, Hirnblutung - vor allem mit Menschen im Koma bzw. im Wachkoma, werden die Wirkweisen
der Musik und Musiktherapie sehr deutlich. Menschen nach schweren Schädelhirnverletzungen erleiden nach so einem Ereignis neben schweren physischen und möglicherweise auch kognitiven
Einschränkungen auch eine tiefe seelische Verletzung. Trotz dieser schweren Verletzung an Körper und Seele zeigen sie während der Musiktherapie deutliche Reaktionen, die darauf
schließen lassen, dass sie die Musik als ein positives und nicht mit Angst besetztes Erlebnis, als Hoffnungsträger und Perspektive wahrnehmen können. Da diese Menschen in ihrer
Ausdrucksweise bzw. ihrer Kommunikation sehr eingeschränkt sind, müssen sie sich mit Ausdrucksmitteln wie z. B. Mimik oder Gestik, durch körperliche Entspannung oder Anspannung bzw.
durch eine veränderte Atmung mitteilen. Durch genaues Beobachten eben dieser Ausdrucksformen, durch Zuwendung aber auch durch Distanz (Selbstreflektion), wird Musik und je nach körperlicher
und seelischer Befindlichkeit die Musikimprovisation im musiktherapeutischen Einsatz zur Erlebnis- und Erfahrungserweiterung sowie zur Bedürfnisbefriedigung für Menschen mit schweren
Schädelhirnverletzungen.
Die musikalische Kommunikation - der musikalische Dialog
Jeder Mensch benötigt einen sozialen Austausch mit der Umwelt, Zuwendung und Kommunikation. Kommunikation gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Dieser Austausch muss nicht
immer verbal erfolgen, auch auf nonverbaler Ebene sind Austausch und Kommunikation zwischen Menschen möglich. Erste nonverbale Kommunikationsformen entstehen bereits pränatal und werden
postnatal vom Säugling im engen Kontakt mit seiner Mutter geübt (Mutter-Kind-Dialog oder auch Motherese). Dieser Mutter-Kind-Dialog ist eine wichtige und prägende Vorstufe zur
menschlichen Sprache, die Mutter verändert die Sprechstimme und Intonation, summt möglicherweise Melodien oder singt Kinderlieder. Säuglinge im Alter von 4 Monaten ziehen eine
veränderte Sprache gegenüber einer normalen Sprache vor, dies scheint die Aufrechterhaltung von Aufmerksamkeit zu ermöglichen, wie eine Studie mit 48 Säuglingen belegt
(vgl. Spitzer 2002, S. 157). Aber nicht nur der Dialog ist wichtig, auch das vermittelnde Gefühl von Wärme und Geborgenheit liegt in dem engen Mutter-Kind-Dialog. Dieser enge
Mutter-Kind-Kontakt kann bei heranwachsenden Kindern und Jugendlichen bzw. bei Erwachsenen sicher nicht aufrechterhalten werden, aber das Bedürfnis nach menschlicher Nähe,
Geborgenheit, Sicherheit, Zuwendung und Kommunikation wird bei allen Menschen in allen Altersstufen mehr oder weniger ausgeprägt bleiben. Musik und Musikgenuss wirken positiv auf das
Belohnungszentrum bzw. Lustzentrum des Gehirns, vermitteln ein Gefühl von Geborgenheit und Befriedigung.
Der therapeutische Einsatz von Musik vereint den nonverbalen Dialog zwischen Menschen mit dem Erleben von Nähe, Geborgenheit, Sicherheit, Zuwendung und Kommunikation, auch ohne Körperkontakt
und ohne Worte. Der musiktherapeutische nonverbale Dialog hat vermittelnden Charakter, er projiziert inneres Erleben nach außen, lässt unbewusstes Erleben zum Klingen bringen und wird durch
den Musiktherapeuten reflektiert, analysiert, gehalten bzw. getragen oder gespiegelt. Ob Menschen nach schweren Schädel-Hirn-Verletzungen in der Lage sind, ein Instrument | |
 Musikdialog auf dem Glockenspiel |
selbst zu spielen oder ob sie in der Lage sind Musik zu hören, ändert am musiktherapeutischen Dialog zwar das Setting, aber das musikalische Erleben mit den beobachtbaren Ausdrucksformen
bleibt bestehen. Der Ausdruck des Körpers, die Körperhaltung, die Gesichtsmimik (Körpersemantik) (vgl. Zieger 2005, S. 51 ff) oder das Improvisieren auf Musikinstrumenten, der musikalische Ausdruck, lassen
Rückschlüsse auf das Befinden und die Bedürfnisse der Menschen mit schweren Schädelhirnverletzungen schließen.
Eine bei Aufnahme in die Musiktherapie junge wachkomatöse Patientin nach schwerem Schädelhirntrauma mit Mittelhirnsyndrom öffnete sich zu leiser, improvisierter Musik auf der
Sansula und dem Summen von einfachen Melodien, ihre Aufmerksamkeit änderte sich, sie nahm Blickkontakt auf, zeigte Schmatz- und Kaubewegungen und in der dritten Musiktherapiestunde zusätzlich
auch eine Träne als Zeichen emotionaler Resonanz. Bereits einen Monat später beteiligte sich die junge Patientin aktiv, durch Spielen an den Chimes, an der Musiktherapie. Die an ihrem
Patientenbett aufgestellten Chimes konnte sie durch Bewegen des rechten Armes und der rechten Hand. selbständig spielen. Ihr musikalisches Agieren und der musikalische Ausdruck vermittelten
den Eindruck, dass sie ihr Erleben der schweren Hirnverletzung anders als die sogenannte Außenwelt wahrzunehmen schien. Sie wirkte glücklich und zufrieden mit ihrem Musikspiel, ihre
nonverbalen musikalischen Dialoge drückten aus, dass sie sich in Sicherheit fühlte und Geborgenheit erlebte. Zeichen von Trauer und Frustration über ihr Kranksein zeigten sich in
dieser Phase der Frührehabilitation noch nicht. Mit den Fingern der rechten Hand erfühlte und ertastete sie die klingenden Stäbe der Chimes und die Schraube, die die Chimes am
Ständer fixierten, teilweise sogar mit geschlossenen Augen und lächelte dabei. Dieses Verhalten glich dem Verhalten kleiner Kinder, die aufgeregt ihre Welt entdecken.
 Klangerfahrung mit den Chimes | |
Wiederum einen Monat später war die Patientin dekanüliert und wollte beginnen zu sprechen. Es fehlte ihr noch die Atemkraft, um die
Stimmbänder zum schwingen zu bringen, doch sie bewegte ihre Lippen viel und schien zu flüstern. Deswegen setzten wir unsere Musikdialoge mit dem Spielen auf Blockflöten fort.
Die Patientin zeigte in dieser Musiktherapie-Zeit viel Motivation, Ausdauer und Kraft, die Flöte zum Klingen zu bringen. Beim Halten der Flöte musste ich ihr mit meiner Hand helfen
und die Flöte zum Mund führen. Sie spielte kurze Laute auf der Flöte, immer im abwechselnden Dialog mit mir. Mit einsetzender Spra- |
che und dem Wahrnehmen der körperlichen
Einschränkungen veränderten sich auch die musikalischen Dialoge. Die junge Patientin drückte mit ihrer Musik Heimweh, Trauer und dem Wunsch nach körperlicher und
emotionaler Nähe aus. Sie strich mit einem Schlegel leise über ein Metallophon, wiegte ihren Körper zum Klang der Musik hin und her. Kurze Musikdialoge waren möglich,
allerdings ohne Lächeln, ohne das mir von ihr vorher so vertraute motivierte Agieren an Musikinstrumenten. Ihr Musikspiel und ihr Gesichtsausdruck spiegelten ihren seelischen
Schmerz wider. Die gemeinsamen Musikimprovisationen zum Ende ihres frührehabilitativen Aufenthaltes zeigten wiederum ein anderes Klang- und Musikerleben. Sie suchte gezielt ihr
Musikinstrument aus, wollte gemeinsame Musikimprovisationen mitgestalten und sich differenzierter und wieder deutlich motivierter ihrem Leben stellen.
Auswertung der Musikdialoge
Die Schmatz- und Kaubewegungen, die ich bei vielen wachkomatösen Menschen unter musiktherapeutischer Intervention beobachtet habe, scheinen meines Erachtens erste kommunikative
Zeichen zu sein, die sich in nahen und liebevollen Dialogen entwickeln. Diese kommunikativen Zeichen zeigen sich auch während der nahen Mutter-Kind-Dialoge zwischen Mutter und Säugling.
Die zum Teil imitierenden Mitbewegungen des Säuglings, während die Mutter zu ihm spricht, gehören zur präverbalen Entwicklung eines Menschen. Sie sind ein prägender
Bestandteil unseres menschlichen Daseins und tief im Gehirn verwurzelt. Nahe musikalische Dialoge mit Menschen im Koma oder Wachkoma knüpfen an dem frühen Mutter-Kind-Dialog an und
vermitteln Nähe, Geborgenheit und Vertrauen, in denen sich Kommunikation weiter entwickeln kann.
Bei Menschen nach schweren Schädel-Hirnschädigungen mit zunehmender Eigenaktivität in Armen oder Beinen ist die aktive Beteiligung an der Musiktherapie möglich. Die
musikalischen Dialoge verändern sich, nicht mehr der nahe Musikdialog steht im Vordergrund. Eigene Ausdrucksformen auf Musikinstrumenten vermitteln den Stand der emotionalen und
kommunikativen Entwicklung. Musikinstrumente werden zum erlebbaren Übergangs- und Übertragungsobjekt (Winnicott 2002, S. 14f). Die Aktivität an den Instrumenten und der
musikalische Ausdruck reflektieren das Lösen aus den engen musikalischen Dialogen hin zu mehr Selbstwahrnehmung, Selbstverwirklichung und experimentellen Ausprobieren von Klang und Klangobjekt.
Rezeptive oder aktive Musiktherapie
Die Wahl der musiktherapeutischen Methode richtet sich nach der Befindlichkeit, nach den Bedürfnissen und nach der Ausdrucksform der Menschen mit schweren Schädel-Hirnverletzungen.
Wunsch-Musik, das Vorsingen von Liedern oder Improvisation mit der Stimme, das Vortragen von Musik auf einem Musikinstrument, auch improvisierte Musik, können musiktherapeutischen Einsatz
finden und zum Wohlbefinden des Patienten beitragen. In der aktiven Musiktherapie werden Musikinstrumente zum nonverbalen Ausdrucksmittel für das innere Erleben. Jedes Musikinstrument, das
Menschen nach schweren | |
 Musikimprovisation auf der Kalimba |
Schädel-Hirnverletzungen als Ausdrucksmittel anspricht und dabei für sie spielbar und nutzbar ist, kann in Musikdialogen bzw. Musikimprovisationen eingesetzt
werden. Das Musikinstrument soll Wohlfühlen und Sicherheit vermitteln. Ob kleine Musikinstrumente, die nah am Körper positioniert werden können, die Stimme oder körperferne
Musikinstrumente in der Musiktherapie zum Einsatz kommen, hängt von der körperlichen und seelischen Befindlichkeit des beeinträchtigten Menschen ab. Die Musikimprovisation ist
kein starres Ausdrucksmittel, sie beinhaltet Entwicklung, Entfaltung, Motivation und Befriedigung. Musikalische Formen, Melodien und Rhythmen können entstehen, Körper, Geist und
Seele sind in Bewegung. Im musiktherapeutischen Dialog ist das Aufeinander-Bezogen-Sein besonders wichtig, aufeinander eingehen, Imitationsspiel, Verstärken, Stützen oder Einlenken
sind dabei wichtige therapeutische Handlungsmittel.
Singen und Einsatz von Stimme haben in der Musiktherapie mit Menschen mit Behinderungen immer einen wichtigen Stellenwert zu erfüllen, das gemeinsame Singen aktiviert neben emotionalen
Prozessen auch die sprachverarbeitenden Hirnregionen (vgl. Bossinger 2005, S. 139)
Der musiktherapeutische Dialog zwischen zwei Menschen oder auch mit mehreren Personen in der Gruppenmusiktherapie, die Musikimprovisation oder das Singen, es wird immer reflektiert, entweder
in Feedback-Gesprächen oder in der analytischen oder verhaltenstherapeutischen Betrachtung und Auswertung durch den Musiktherapeuten. Durch Dokumentation, Auswertung und Selbstreflektion
werden nachfolgende Musiktherapiestunden in Zusammenhang mit Indikation und Zielsetzung der Musiktherapie vorbereitet.
Indikation und Zielsetzung
Menschen mit Schädelhirnverletzungen profitieren von Musik, ob improvisiert, gesungen oder rezeptiv angeboten. Wichtig ist, dass das Musikangebot musiktherapeutisch begleitet wird, wenn
Ziele oder Heilungseffekte verfolgt oder erreicht werden sollen. Ziele, die Menschen mit Behinderungen zu Gute kommen können, sind die Erhöhung der Lebensqualität, Förderung
von Eigen- bzw. Selbst- und Fremdwahrnehmung, Aktivierung und Erweiterung emotionaler Prozesse, Angstabbau, Förderung der emotionalen Ausdruckskraft und Steigerung des Selbstwertgefühls
durch nonverbale Kommunikations- und Dialogangebote. Bedüfnisnahe Musikangebote fördern das Wohlbefinden der Patienten und unterstützen den Genesungsprozess. Auch der Effekt der
körperlichen und seelischen Entspannung sind Ziele der Musiktherapie. Die Erlebnis- und Genussfähigkeit wird erweitert, Ressourcen werden wieder entdeckt bzw. aktiviert. Die Integration
in sozialen Gruppen wird gefördert.
Die Indikation für Musiktherapie bei Menschen mit Schädelhirnverletzungen ist vielseitig, einige sind hier aufgeführt. Musiktherapie kann hilfreich sein, wenn Menschen einen
fehlenden Zugang zu ihren Emotionen, Gefühlen oder Bedürfnissen haben oder wenn sie emotional instabil oder eingeschränkt emotional schwingungsfähig sind. Musiktherapie hilft,
bewusste oder unbewusste Ängste zu lindern oder zu beseitigen. Auch eingeschränkte oder fehlende Ausdrucksmöglichkeiten, fehlende Motivation oder Therapiemotivation können eine
Indikation für Musiktherapie sein. Verhaltensauffälligkeiten, soziales Fehlverhalten oder sozialer Rückzug können durch musiktherapeutische Angebote überwunden werden .
Musik trägt im musiktherapeutischen Kontext zur seelischen Gesundheit von Menschen mit Behinderungen bei. Sie ist ein Medium, Menschen mit Schädel-Hirnschädigungen an der
Gesellschaft teilhaben zu lassen und sie in die Gesellschaft zu integrieren.
Zitierte und weiterführende Literatur
Baumann, Monika, Gessner, Christian (Hg.: Zwischen Welten. Musiktherapie bei Patienten mit erworbener Hirnschädigung. Wiesbaden: Reichert Verlag 2004.
Bossinger, Wolfgang: Die heilende Kraft des Singens. Von den Ursprüngen bis zu modernen Erkenntnissen über die soziale und gesundheitsfördernde
Wirkung von Gesang. Norderstedt: Book on Demand GmbH 2005.
Nordoff, Paul, Robbins, Clive: Music Therapy in Special Education. Michigan: Cushing Malloy Inc. 1995.
Spitzer, Manfred: Musik im Kopf. Hören, Musizieren, Verstehen und Erleben im neuronalen Netzwerk. Stuttgart: Schattauer GmbH 2002.
Winnicott, D.W.: Vom Spiel zur Kreativität. Stuttgart: Klett-Cotta, 10. Auflage 2002.
Zieger, A.: Musik als Vermittlerin neuen Lebens. Soziales Zeichen der Hoffnung für Menschen im Koma und apallischen Syndrom. In: Neander, K.-D.
(Hrsg.): Musik und Pflege. München: Urban & Fischer 1999, S. 145-164.
Zieger, Andreas.: Beziehungsmedizinisches Wissen im Umgang mit so genannten Wachkoma-Patienten. In: Höfling, W. (Hrsg.): Das sog. Wachkoma. Juristische,
medizinische und ethische Aspekte. Münster: Lit-Verlag 2005, S. 49-90.
Karin Böseler Kinder- und Jugendlichen- Psychotherapeutin, Musiktherapeutin, Sonderpädagogische Frühförderung Oldenburg 2008
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